Die ewige Selbstkritik

295 km/h steht auf der Geschwindigkeitsanzeige des ICE. Ich blicke aus dem Fenster und denke mir: „Pah! Mein Gehirn ist schneller!“

Eine Stunde zuvor durfte ich einen Vortrag halten über meine tagtägliche Arbeit, das Warum, das Wie und die „Performance“. Danach gab es Lob dafür – von den Chefs, den Geschäftsführern des Kunden und den Teilnehmern. Die Zugfahrt könnte ich nun also nutzen, mich zurückzulehnen, vom Feierabend zu träumen und mich im Glanze des Ruhms zu sonnen. Siegeszug mit Fensterplatz!

ODER ich könnte den Vortrag nochmal durchgehen, überlegen wo ich Fehler gemacht habe, besser formulieren oder optimaler reagieren und moderieren hätte können. „Lichtgeschwindigkeit“ steht auf der Geschwindigkeitsanzeige meines Denkapparats. „Hier bitteschön, Ihre Fehlerliste!“

Und schon arbeitet man mit dem Blick auf das vorbeirauschende Deutschland Punkt für Punkt ab. Alles wird nochmal auf den Prüfstand gestellt. Sprachtempo, Duktus, Lautstärke, Formulierungen und Phrasen, Postur, Gestik, Mimik, Details über Details. 

Jeder Baustein wird umgedreht, Fehler gefunden, Lösungen gesucht und fürs nächste Mal vorgemerkt. 

Natürlich hätte ich das Lob abhaken können mit einem arroganten: “Ach das ist meon Job.“ Oder mich eben im Ruhm sonnen. Stattdessen sitze ich da, vergesse das positive Feedback und suche die Stellschräubchen zur Fehlervermeidung und Optimierung. 
Entgegen aller Unkenrufe reflektiere ich mich, meine Leistung und mein Verhalten, manchmal sogar in Momenten in denen Feiern angesagt wäre. Ander als allerdings die Menschen, die früher nach Klassenarbeiten Klagelieder anstimmten, wie schlecht sie doch waren, und am Ende eine eins hatten, halte ich das intern. Es reicht schon, wenn mein Hirn mich dazu nötigt, regelmäßig interne Feedback-Schleifen zu fahren. 

Natürlich schließt das externes Feedback nicht aus. Doch wenn sich das darauf beschränkt, man wäre nicht reflektiert, weil man den Prozess der Selbstkritik nicht mit einer Pressemeldung begleitet, kann man das herrlich ignorieren. 

Die schlimme Nachricht für alle, die meinen meine Meinung wäre unreflektiert: Gelegentlich ändere ich bei neuer Informationslage meine Meinung. Unreflektiert ist sie darum nicht. Vielmehr kam ich beim Durchdenken eines Sachverhalts oder eines Umstandes einfach zu einer anderen Schlussfolgerung und Einstellung als andere.  

Mein Hirn meint eben dazu: “Schade, dass man so etwas kommunizieren muss und nicht als allgemein bekannt vorraussetzen kann.“ Aber vielleicht liegt der Fehler, das anzunehmen, ja auch bei mir. 

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